Gegenstandsbereich und zeitliche Eingrenzung

Gegenstand

Im 19. Jahrhundert etabliert sich neben komplexen Formen der Publikumszeitschrift erstmals ein kommerzieller (Massen-)Buchmarkt, der unmittelbar anschließt an die ab Mitte des 18. Jahrhunderts beginnende Kultur der Leihbibliotheken (vgl. Martino/Jäger 1990). Die Literaturgeschichtsschreibung bildet dieses spätestens ab 1830 florierende literarische Feld allerdings nur sehr selektiv ab. Dabei setzt sich das Korpus nichtkanonisierter Erzähltexte entgegen naheliegender Vermutungen nicht aus zeitgenössisch bereits randständigen AutorInnen und Texten zusammen, im Gegenteil: Unter den heute vergessenen finden sich zeitgenössisch vielgelesene und vielgelobte Erzähltexte, die weit populärer waren als die heute bekannten Hauptwerke. Im kulturellen Archiv stehen diese aber zumeist hinter den kanonisierten Texten der Zeit zurück oder werden schlicht nicht beachtet, obwohl sie synchron durchaus einflussreicher waren als die heute überlieferte Auswahl (vgl. Stockinger 2010: 18). Aus heutiger Sicht bilden diese Texte daher ein neu zu erschließendes und neu zu systematisierendes Korpus aus wirkmächtigen Kotexten des literarischen 19. Jahrhunderts.

Zum Begriff des ‚Prekären‘

Das Netzwerk widmet sich der exemplarischen Revision einer wertend selektiven Kanonisierung (vgl. Schneider 2005), die sich vom beginnenden 20. Jahrhundert bis heute fortsetzt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich gegenwärtige literarhistorische Modellierungen verändern, wenn man sie um die beschriebenen Texte erweitert. Diese lassen sich in Anlehnung an Martin Mulsow als ‚prekäre Literaturen‘ bezeichnen. Das zugrundegelegte Konzept des ‚prekären Wissens‘ (Mulsow 2012) meint zunächst nicht erzählende Texte des 19. Jahrhunderts, sondern Wissensbestände der Frühen Neuzeit, die geheim, emanzipatorisch oder radikal innovativ sind. Dass solches Wissen politische und religiöse Macht destabilisiert, macht es ‚inferentiell brisant‘, das heißt die Einspeisung solchen Wissens in bestehende Modelle kann „eine signifikant große Zahl dort etablierter Wahrheiten in diesem Bestand umstürzen.“ (Mulsow 2012: 32)

Die entscheidende Analogie zum literarischen Feld besteht darin, dass auch in der literarhistorischen Periodisierung, speziell einer ‚Kanonrevision‘ (Schneider 2005: 9), wie sie das 19. Jahrhundert erfahren hat, das Fehlen solcher Texte „einen klaren Verzerrungseffekt verursacht“. (Mulsow 2012: 57) Anthropologisches und mentalitätsgeschichtliches Wissen bildet sich in einem Netz ab, das durch das Fehlen vieler seiner Knoten heute so nicht mehr erkennbar ist oder deutlich anders aussieht. Mit den hier ‚prekär‘ genannten Texten werden Elemente dieses Netzes wieder erschlossen, die integral an der Bedeutungsbildung seiner heute noch sichtbaren Elemente – so beispielsweise den Texten Kellers und Fontanes – beteiligt waren. In diesem Sinne verhandelt Literatur als Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung Sinnbestände (Neumann et al. 2017: 2) und gemeinschaftsbildende Horizonte, also Gegenstände der ‚mentalen Kultur‘ (Posner 2003: 53; Nies 2010: 208) wie Liebe, Nation, Wert, Wahrheit. Entsprechende Konzepte werden dabei jedoch nicht ausschließlich affirmativ verhandelt. Ein umfangreiches Korpus, das wenig überraschend hauptsächlich aus prekären Literaturen besteht, erprobt solche Sinnbestände (der Ökonomie, der Modelle von Familie oder der Psychopathologie) im Modus der Disposition: „Es wird also ein Wissen beziehungsweise eine Überzeugung zur Diskussion gestellt, die noch keinen Anspruch auf endgültige Fixierung im semantischen Netz erhebt. Nicht ihre Wahrheit oder Falschheit, sondern allein der propositionale Gehalt spielt hier eine Rolle. Dieser testet gleichsam das semantische Netz auf die Auswirkungen, die seine Integration in es haben würde. In diesem Sinne ist solches Wissen prekär.“ (Mulsow 2012: 17)

In diesem Sinne agieren ‚prekäre‘ Literaturen in einem Feld, das deren Themen (gegebenenfalls erst im Nachhinein) programmatisch ausschließen kann oder nicht in Betracht zieht, weil sie Aspekte enthalten, die als brisant aufgefasst werden.

Im Zentrum des Netzwerks steht dementsprechend die Untersuchung einer prekären Literatur als Ort der literalen Kodifizierung gesellschaftlich brisanter Wissensbestände und -dynamiken. Diese wird in den vier Arbeitsfeldern i) Prekäres Wissen ii) Prekäre Moderne iii) Prekäre Genres iv) Prekäre Materialität systematisch betrachtet.

Zeitliche Eingrenzung

Das Auftreten prekärer Literaturen korreliert deutlich mit einer Öffnung des literarischen (und populärwissenschaftlichen) Feldes um 1830 für eine bewusst heterogene Ausdifferenzierung von Funktionen und poetologischen Positionen. Denn die literarhistorische Phase von etwa 1820 bis 1850 kann in doppelter Hinsicht als Problemfall angesehen werden. Zum einen herrscht in der Literaturgeschichtsschreibung bis heute großer Dissens hinsichtlich der Fragen nach Periodisierung und Epochenbezeichnung des fraglichen Zeitraums, der zwischen Goethezeit und Realismus angesiedelt ist. Zum anderen ist der Objektbereich, mit dem sich die Literaturwissenschaft auseinanderzusetzen hat, äußerst divergent. Die Literatur dieser Übergangsphase ist durch koexistente, gegenläufige Strömungen gekennzeichnet, während zusätzlich bis in die 1830er, vereinzelt sogar bis in die 1840er Jahre hinein, goethezeitlich funktionierende Texte auszumachen sind und sich ebenfalls seit Mitte der 1840er Jahre das Literatursystem des Realismus zu konstituieren beginnt. Diese unübersichtliche Lage schlägt sich rückblickend immer wieder in dem Effekt nieder, dass einzelne, für die Zeit eminent wichtige AutorInnen in der literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung vernachlässigt worden sind.

Das Netzwerk löst sich gezielt von vermeintlichen Epochenschnitten wie dem Poetischen Realismus nach 1848 und orientiert sich stattdessen an der medialen und programmatischen Öffnung, die an der Zwischenphase sichtbar wird. Die Erzähltexte rekrutieren sich aus Kanonisierungsentscheidungen, die dem Periodisierungsparameter vorangegangener Epochengliederung folgen, das Feld der prekären Literatur aber wird damit über den medienlogisch induzierten epistemischen Wandel bestimmt, den im Anschluss an Jonathan Crary (1996) verschiedene Ansätze der Literatur- und Kulturwissenschaft erschließen (vgl. stellvertretend Günter 2008).

Textkorpus

Das Textkorpus ergibt sich aus einer komplexen binnendifferenzierten Strukturierung des literarischen Feldes ab 1830, dessen Rekonstruktion bislang eher höhenkammfixiert war. Zur Erhebung des zeitgenössischen Feldes und damit des Korpus wird dabei ein operativer Prominenz-Begriff angesetzt. Entsprechend dem Paradigma von medialer Sichtbarkeit und Zugänglichkeit sowie diskursiver Wirkmacht bildet sich das Korpus aus Erzähltexten, die das zeitgenössische Feld a) über Selbstklassifizierungen prominent setzt sowie b) über die Moderation ihrer Verbreitungsmedien präsent macht. Ein operativer Prominenz-Begriff ist damit über drei Parameter organisiert:

Zum einen die zeitgenössische Kanonisierung, in der Moderatoren wie Heyses Novellenschatz [1871-1876] oder die Reihen Reclams Universal-Bibliothek [ab 1867] im Fokus stehen. Diese sortieren das literarische Feld bewusst synchron vor und verbinden ihre Auswahl mit Begründungsmustern, die selbst als prekäres Wissen einzustufen sind. Die poetologischen Aspekte der entsprechenden Kommentierungen reichen deutlich über die kanonisierte Programmatik in den Grenzboten, von Otto Ludwig oder Theodor Fontane hinaus und modifizieren genau wie das Korpus der zu untersuchenden nicht kanonisierten Erzähltexte ihrerseits den Blick auf die literarische Produktion im 19. Jahrhundert.

Zweitens ergänzen die metrischen Marktzahlen das qualitative Kriterium von Zuschreibungen durch Moderatoren um das quantitative Kriterium von Auflagen- und Verkaufszahlen sowie den Abruf in Leihbibliotheken und das Auftreten in Schulcurricula. Der Parameter der Selbstzuschreibung wird so mit dem rezeptionsseitigen Einfluss der Nachfrage vermittelt. Dies gewährleistet eine Erfassung solcher Texte, die diskursiv wirkmächtig waren und das Literatursystem entscheidend geprägt haben.

Und drittens schließlich fassen Aspekte der Selbstverhandlung/Werkpolitik Strategien zur Begründung, Erweiterung und Kommunikation von Werk, Wirkmacht und Autorschaft, etwa in der Korrespondenz sowie feuilletonistischen Selbstkommunikation des Feldes. Dabei lassen sich mit den Begriffen der „Werkherrschaft“ (Bosse 1981) sowie der „Werkpolitik“ (Martus 2007) wesentliche Kategorien zu einer Differenzierung, Authentifizierung und „kritischen Kommunikation“ von Autorschaft subsummieren, die zugleich einer „kontingenten Verteilung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit“ in Folge der „selektionslosen Aufmerksamkeit im 19. Jahrhundert“ entgegenwirken, Teil einer „Bewältigungsstrategie von Autoren für eine solche Beobachtungslage“ (Martus 2007: 6) darstellen und mit einer Neufokussierung auf fragile, nichtsaliente Strategien der Autoren flüchtiger Literaturen entsprechend gefasst werden können.

Damit ist das Korpus durch drei validierbare, verschaltete Parameter eingegrenzt, deren Verbindung einen deutlich höheren Grad an Repräsentativität zeitgenössischer Diskursdynamiken bietet als der Zugriff auf die tradierten Korpora gegenwärtiger Darstellungen.