Forschungsstand

Die jüngere Forschung zum literarischen Feld des nachromantischen 19. Jahrhunderts ist insbesondere von zwei Zugängen geprägt:
Zum einen gilt das Interesse der lange verkannten Reflexion realistischen Erzählens von Modernisierungsprozessen (Frank 2005; Gamper 2009; von Graevenitz 2014; Mayer 2014; Hohendahl/Vedder 2018). So zeigen sich entgegen dem vormals dominant verhandelten Verklärungspostulat die ‚Realien des Realismus‘ (Braese/Reulecke 2010) als signifikant für die Gesellschaftsentwürfe beispielsweise der Romane Theodor Fontanes. Ein prominentes Beispiel spezieller Wissensformationen und Diskurse, die realistisches Erzählen entgegen einer vermeintlichen Moderneabwehr aufgreifen, bildet die Ökonomie (Rakow 2013; Neumann et al. 2017; Agethen 2018). Zum anderen treten vermehrt semiotische Zugänge in den Vordergrund, die ‚Aporien realistischen Erzählens‘ (Baßler 2010) freilegen. Indem dessen Problematisierung von Zeichenhaftigkeit (Begemann 1995, 2007; Ort 1998; Arndt 2009; Strowick/Vedder 2013) hervortritt, wird die Literatur seit der Zwischenphase um 1830 aus dem Verdikt durchlässiger Darstellungen von eskapistischen Sujets gelöst. Einen entscheidenden Beitrag leistet dabei die sich aktuell konstituierende Erforschung des Zeitschriftenwesens (Helmstetter 1997; Podewski 2009, 2016; Mellmann/Reiling 2016; Stockinger 2018). Die im Zeichen neuer Bildkulturen und einer veränderten Öffentlichkeit entstehenden Formen periodischen und seriellen Erzählens binden vermeintlich rein literarische Inhalte an die Verhandlung von Text-Bild-Beziehungen zurück. Dementsprechend tritt gerade die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenwärtig als Labor der Moderne in den Blick und wird vermehrt auf genau die medien- und gesellschaftsgeschichtlichen Bezüge befragt (Magerski 2004; Günter 2008), die ursprünglich als programmatisch ausgeschlossen galten.

Während die beschriebenen Zugänge einerseits bereits verhandelte Texte höchst ergiebig neu erschließen, richtet sich die literaturwissenschaftliche Praxis andererseits in der Regel weiterhin nach der Vorsortierung und Selektion von Kanonisierungsprozessen. Weitgehend unbeachtet bleibt, trotz innovativer Fragestellung, ein gleichermaßen aktualisiertes Korpus. Ausnahmen bilden wenige – allerdings sehr ergiebige – Einzelstudien (z.B. Spörk 2000), die kaum in den Forschungskonsens übernommen und weitergeführt werden. Ein dagegen an der zeitgenössischen Prominenz von Texten und AutorInnen orientierter Zugang zum benannten Zeitraum steht gegenwärtig aus; Texte nichtkanonisierter AutorInnen werden zwar verhandelt, dies jedoch in der Regel im Modus des Spezialfalls, d.h. als Nischenliteratur.

Dass der regelmäßig angesprochene Wunsch, das Feld neu zu sichten, bisher zwar wiederholt geäußert wurde (vgl. Ort 2000; Titzmann 2002; Schönert 2017; Stockinger 2018), eine konkrete Durchführung aber aussteht bzw. nur in Einzelfragen vorliegt, liegt daran, dass es an der hier kondensierten Begrifflichkeit fehlte. Es gilt daher, im Forschungsverbund ein jenseits der kanonisierten Literaturen des 19. Jahrhunderts liegendes umfangreiches Korpus an nicht oder kaum erfassten, literarhistorisch und kultursemiotisch aber hochrelevanten (Erzähl-)Texten systematisch zu erschließen. Entscheidend ist zudem, dass mit der Entstehung der periodischen Presse das Publikum zum ausschlaggebenden Faktor dessen wird, was erstmalig im industriellen Sinne als Markt auftritt (vgl. Helmstetter 1997: 69f.). Die Entstehung einer prekären Literatur im 19. Jahrhundert muss daher sowohl im kausalen Zusammenhang zu den Konkurrenz-, Kommerzialisierungs- und Verschmelzungsphänomenen eines wachsenden literarischen Feldes sowie einer zunehmenden Rezipientenorientiertheit des entstehenden (Massen-)Marktes und seiner Druckerzeugnisse gelesen und auch als Phänomen der beschleunigten Wissensproduktion gefasst werden. Die kommerziell erfolgreiche Breitenwirkung von Zeitschriften- und Buchveröffentlichungen korrespondiert zusätzlich mit der steigenden Zahl von Leihbibliotheken. Das entsprechend umfangreiche und vielschichtige Feld wird jedoch von der gegenwärtigen Periodisierung nur sehr selektiv abgebildet. Dementsprechend ist dem Befund zuzustimmen, dass sowohl „die zeitgenössischen Debatten als auch das Lektüreverhalten“ darauf schließen lassen, dass zahlreiche AutorInnen „der ‚zweiten‘ und ‚dritten‘ Reihe […] für ihre unmittelbare Gegenwart und damit für die Profilierung des realistischen Zeitalters sehr viel prägender gewesen sind als die heute ungleich berühmteren“ (Stockinger 2010: 18). Damit stellt sich auch die Frage, wie sich gegenwärtige literarhistorische Modellierungen verändern, wenn man sie um solche ‚prägenden‘ Texte erweitert. Diese trotz zeitgenössischer Prominenz heute sogar noch hinter Autoren wie Spielhagen und Heyse verschwundenen Literaturen bilden das Kerninteresse des Projekts.